Wenn Wollen allein nicht reicht und die wenigsten wissen, was Volition bedeutet.
Veränderung beginnt oft mit einer Erkenntnis. Wir erkennen, dass etwas nicht mehr funktioniert, sehen eine neue Möglichkeit oder formulieren ein Ziel. Und trotzdem passiert manchmal erstaunlich wenig. Vor vielen Jahren, während meiner Masterthesis, bin ich dabei auf einen Begriff gestossen, der damals zunächst Teil meiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung war und mich heute, mit deutlich mehr beruflicher und persönlicher Erfahrung, immer wieder beschäftigt: Volition.
Und wenn mir dieser Begriff heute im Gespräch einmal herausrutscht, spitzen manche plötzlich die Ohren. Einige fragen interessiert nach, andere nicken, als wäre ihnen längst klar, wovon ich spreche. Und wieder andere wissen tatsächlich, was damit gemeint ist. Genau diese unterschiedlichen Reaktionen finde ich spannend, denn Volition beschreibt etwas, das wir alle kennen und tagtäglich brauchen: die Fähigkeit, aus einem Wollen tatsächlich ins Handeln zu kommen.
Die Betrachtung von Komfortzone, Angstzone, Lernzone und Wachstumszone war damals ein wichtiger Bestandteil meiner Analyse. Benning-Rohnke, Hasebrook und Schärer verbinden diese Perspektive mit einem Prozess der Verhaltensveränderung, der von Reflexion über Ambition und Volition bis zur Verstetigung reicht.

Ich erinnere mich noch gut an die Präsentation meiner Masterthesis. Als ich den Begriff Volition erläuterte, haben sich sogar meine Mentoren diesen Begriff notiert. Ich habe ihn ebenfalls nicht vergessen. Vielleicht gerade deshalb, weil er einen Punkt beschreibt, an dem viele Veränderungsvorhaben ins Stocken geraten: zwischen dem Wollen und dem Tun.
Was bedeutet Volition eigentlich? Vereinfacht beschreibt der Begriff die Fähigkeit, eine Absicht in konkretes Handeln zu überführen und dieses Handeln auch unter erschwerenden Bedingungen aufrechtzuerhalten. Motivation und Volition sind dabei nicht dasselbe. Motivation beschäftigt sich stärker mit der Frage, warum wir etwas wollen. Volition richtet den Blick darauf, wie aus diesem Wollen tatsächlich eine Handlung wird.
Das klingt zunächst selbstverständlich. In der Praxis ist es das keineswegs.
Ich kann wissen, dass eine Veränderung notwendig ist. Ich kann sie sogar ausdrücklich wollen. Trotzdem kann zwischen meiner Absicht und meinem tatsächlichen Verhalten eine erhebliche Lücke liegen. Genau diese Lücke macht Volition für mich so interessant.
Benning-Rohnke, Hasebrook und Schärer ordnen die Volition zwischen Ambition und Verstetigung ein. Aus einer gemeinsamen oder individuellen Ambition müssen konkrete Handlungsnotwendigkeiten entstehen. Diese sollen transparent und verbindlich werden. Gleichzeitig braucht Veränderung kontinuierliche Unterstützung und Zeit.

Damit wird Volition für mich zur entscheidenden Brücke zwischen der Frage „Was wollen wir?“ und der Frage „Was tun wir jetzt konkret?“
Diese Brücke ist nicht nur für Organisationen relevant. Sie begegnet uns genauso im privaten Leben. Wir wissen, dass wir uns mehr bewegen sollten. Wir möchten weniger Zeit am Smartphone verbringen. Wir wollen regelmässiger meditieren, eine Beziehung anders gestalten oder beruflich etwas verändern. Die Erkenntnis ist vorhanden, die Absicht ebenfalls, und trotzdem kehren wir manchmal in alte Routinen zurück.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass unser Ziel nicht wichtig genug ist. Zwischen Absicht und Umsetzung wirken Gewohnheiten, kurzfristige Bedürfnisse, Unsicherheit, Bequemlichkeit und andere Prioritäten. Volition bedeutet deshalb für mich nicht, sich einfach stärker zusammenzureissen. Es geht vielmehr darum, die eigene Handlungsfähigkeit bewusst zu entwickeln.
Dabei beginnt die Stärkung von Volition mit Klarheit. Aus „Ich möchte etwas verändern“ muss eine konkrete Vorstellung davon werden, was künftig anders sein soll und woran ich erkenne, dass ich tatsächlich begonnen habe. Der nächste Schritt sollte möglichst klein und unmittelbar umsetzbar sein. Nicht „Ich werde mein Leben komplett verändern“, sondern eine Handlung, die heute oder morgen tatsächlich möglich ist. Gerade kleine Schritte schaffen Erfahrung, und Erfahrung kann wiederum die eigene Selbstwirksamkeit stärken.
Ebenso wichtig ist es, mögliche Hindernisse nicht erst dann zu betrachten, wenn sie auftreten. Wer weiss, was ihn wahrscheinlich vom Handeln abhalten wird, kann sich bereits vorher überlegen, wie er damit umgehen möchte. Aus einer spontanen Absicht wird dadurch eine bewusst vorbereitete Handlungsstrategie. Verbindlichkeit kann diesen Prozess zusätzlich unterstützen, etwa durch konkrete Termine, Vereinbarungen oder sichtbare Verpflichtungen.
Auch der Umgang mit Rückschlägen gehört dazu. Volition bedeutet nicht, niemals von einem Vorhaben abzuweichen. Veränderung verläuft selten linear. Entscheidend ist vielmehr, nach einer Unterbrechung wieder handlungsfähig zu werden und aus dem eigenen Verhalten zu lernen. Damit schliesst sich der Kreis zur Reflexion, mit der der von Benning-Rohnke, Hasebrook und Schärer beschriebene Prozess beginnt.

Gerade deshalb ist Volition auch für meine heutige Arbeit als Unternehmens- und Organisationsentwickler relevant. Eine Organisation kann eine Strategie verabschieden, Ziele definieren und Veränderungsprogramme aufsetzen. Doch auch hier entsteht die eigentliche Wirkung erst dann, wenn aus strategischer Absicht konkretes Verhalten wird. Die Frage ist deshalb nicht nur, ob eine Organisation weiss, wohin sie sich entwickeln möchte. Entscheidend ist auch, ob die Menschen ihren eigenen Beitrag erkennen und über die notwendigen Handlungsmöglichkeiten verfügen.
Hier schliesst auch der von Benning-Rohnke, Hasebrook und Schärer beschriebene Ansatz „Freedom within Frames“ an. Strategische Leitplanken und Ziele bleiben bestehen, während die konkrete Umsetzung innerhalb dieses Rahmens stärker durch die Teams gestaltet wird.
Für mich liegt darin eine wichtige Verbindung: Der Rahmen gibt Orientierung, der Handlungsspielraum ermöglicht Volition. Wenn Menschen keinen Einfluss auf die Umsetzung haben, bleibt ihre Ambition schnell abstrakt. Wenn sie dagegen verstehen, worum es geht, ihren eigenen Beitrag erkennen und innerhalb eines klaren Rahmens handeln können, entsteht die Möglichkeit, aus Wollen tatsächliches Tun werden zu lassen.
Wenn ich heute auf meine Masterthesis zurückblicke, erkenne ich darin einen roten Faden, der mich bis heute begleitet. Damals war Volition ein Begriff innerhalb meiner wissenschaftlichen Analyse. Heute begegnet mir die dahinterliegende Frage in meiner täglichen Arbeit immer wieder: Wie wird aus einer Erkenntnis eine Ambition, aus einer Ambition konkretes Handeln und aus Handeln eine nachhaltige Veränderung, die wir in unser Leben und in unsere Organisationen integrieren können?
Das gilt für Menschen ebenso wie für Organisationen.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung von Volition: nicht einfach mehr zu wollen und auch nicht einfach disziplinierter zu sein, sondern die Fähigkeit zu entwickeln, das eigene Wollen in wirksames Handeln zu übersetzen.
Was damals in meiner Masterthesis ein Analysebestandteil war, ist heute deshalb zu einem Teil meiner professionellen Haltung geworden.
Für einen weiterführenden Austausch und konkrete Angebote stehe ich gerne zur Verfügung.
Corporate Companion
making complex change simple.
E-Mail: info@ferdinandodemaria.com
Literatur und Quellen
Benning-Rohnke, Hasebrook & Schärer: Darstellung der Angst-, Lern- und Wachstumszone sowie der Phasen der Verhaltensänderung von Individuen in Teams, insbesondere S. 150 und 152.
Gollwitzer, Kuhl & Heckhausen (1996): Bezug im Kontext der von Benning-Rohnke, Hasebrook und Schärer dargestellten Prozesse der Veränderungsumsetzung.
Gollwitzer & Sheeran (2006): Bezug im Kontext der Umsetzung von Veränderungsabsichten, zitiert bei Benning-Rohnke, Hasebrook und Schärer.
Hinweis zu den Abbildungen: Die Corporate-Companion-Abbildungen sind eigene visuelle Darstellungen auf Basis der in der Quelle beschriebenen Modelle. Die Originalabbildung 1 ist in der Quelle mit „Quelle: zeb Projekterfahrung“ ausgewiesen.





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