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Wenn Erfahrung zu früh verloren geht.

Aktualisiert: 16. Juni


Infografik mit vier Lebensphasen: 20, 40, 60 und 70+ Jahre, Porträts und Text zu Erfahrung als Zukunftskompetenz.
Erfahrung & Zukunftskompetenz

Warum die Diskussion über Zukunftskompetenz eine Entwicklung übersieht, die bereits begonnen hat


Wer die aktuelle Debatte über Future Skills verfolgt, begegnet immer wieder denselben Begriffen: Lernfähigkeit, Anpassungsfähigkeit, digitale Kompetenzen und der Umgang mit neuen Technologien. Daran ist nichts falsch. Unternehmen stehen unter Druck, sich schneller an Veränderungen anzupassen. Neue Technologien verändern Prozesse, Geschäftsmodelle und Berufsbilder. Organisationen wie SOULWORXX u.a. greifen diese Entwicklung auf und unterstützen Menschen und Organisationen dabei, die dafür notwendigen Kompetenzen aufzubauen. Trotzdem fällt auf, dass ein anderer Aspekt in vielen Diskussionen nur am Rand vorkommt: Die Arbeitswelt wird älter.


Infografik von Corporate Companion: älter werdende Arbeitswelt mit grünen Kennzahlen, Balken- und Liniendiagrammen.
Erfahrung & Zukunftskompetenz

Der demografische Wandel ist keine Prognose mehr. Er findet statt. Die Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen stieg in der Schweiz innerhalb von zehn Jahren von 71,7 Prozent auf 77,8 Prozent. Gleichzeitig erhöhte sich das Durchschnittsalter der Erwerbsbevölkerung von 41,2 auf 42,3 Jahre. Das durchschnittliche Austrittsalter aus dem Erwerbsleben liegt heute bei rund 65 Jahren.


Diese Zahlen zeigen eine klare Entwicklung: Menschen bleiben länger beruflich aktiv, und Erfahrung bleibt länger im Arbeitsmarkt. Für Unternehmen verändert sich dadurch die Zusammensetzung ihrer Belegschaften. In vielen Organisationen arbeiten heute mehrere Generationen zusammen. Sie unterscheiden sich nicht nur im Alter, sondern auch in den Erfahrungen, die sie in ihrem Berufsleben gesammelt haben. Während jüngere Mitarbeitende häufig mit digitalen Technologien aufgewachsen sind, haben ältere Generationen mehrere wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Umbrüche erlebt. Beides hat seinen Wert.


Die andere Seite der Entwicklung


Gleichzeitig zeigt sich ein Widerspruch. Während vielerorts über Fachkräftemangel gesprochen wird, berichten immer mehr Menschen zwischen 50 und 65 Jahren von Schwierigkeiten bei der beruflichen Neuorientierung. Darunter befinden sich nicht selten Personen mit langjähriger Führungs- oder Projekterfahrung, aktuellen Weiterbildungen und hoher Leistungsbereitschaft.


Wer sich mit Betroffenen austauscht, hört oft ähnliche Geschichten. Bewerbungen bleiben unbeantwortet, Vorstellungsgespräche enden ohne nachvollziehbare Begründung, und Positionen werden neu geschaffen, während erfahrene Fach- und Führungskräfte keinen Zugang mehr zum Arbeitsmarkt finden. Natürlich gibt es dafür unterschiedliche Gründe. Trotzdem stellt sich eine berechtigte Frage: Wie passt die Klage über fehlende Fachkräfte zu einer Entwicklung, bei der erfahrene Menschen zunehmend Schwierigkeiten haben, ihre Kompetenzen weiterhin einzubringen?


Wenn Babyboomer und Generation X verloren gehen


Für Organisationen ist diese Frage mehr als ein gesellschaftliches Thema. Sie betrifft die eigene Leistungsfähigkeit. Die Babyboomer und grosse Teile der Generation X haben den Wandel der vergangenen Jahrzehnte nicht nur erlebt, sondern aktiv mitgestaltet. Sie haben die Digitalisierung von Geschäftsprozessen begleitet, Restrukturierungen umgesetzt, internationale Märkte erschlossen, Krisen bewältigt und technologische Veränderungen in Unternehmen eingeführt.


Viele von ihnen verfügen über Erfahrungen, die sich nicht in Zertifikaten oder Stellenprofilen abbilden lassen. Dieses Wissen entsteht durch Praxis, durch Entscheidungen, durch Verantwortung, durch Erfolge und Fehlschläge. Wenn diese Generationen den Arbeitsmarkt vorzeitig verlassen oder faktisch keinen Zugang mehr zu neuen beruflichen Möglichkeiten erhalten, verlieren Unternehmen mehr als Arbeitskraft. Sie verlieren Kontextwissen, historische Orientierung und Menschen, die Entwicklungen einordnen können. Oft wird dieser Verlust erst sichtbar, wenn die betreffende Person bereits gegangen ist.


Erfahrung entsteht anders als Wissen


Wissen kann vermittelt werden. Erfahrung nicht. Sie entsteht über Jahre hinweg in Situationen, die sich nicht planen lassen: in schwierigen Projekten, unter Zeitdruck, in Konflikten oder in Phasen grosser Unsicherheit. Genau deshalb reagieren erfahrene Menschen oft anders auf komplexe Situationen. Sie erkennen Muster, verstehen Zusammenhänge und können Entwicklungen besser einordnen. Diese Form der Urteilskraft gewinnt besonders dann an Bedeutung, wenn Organisationen vor Entscheidungen stehen, für die es keine eindeutigen Antworten gibt.


Die Bedeutung von Erfahrung verändert sich


Das bedeutet nicht, dass Erfahrung allein genügt. Genauso wenig reichen neue Kompetenzen allein aus. Organisationen benötigen beides: Menschen, die neue Technologien verstehen, und Menschen, die deren Auswirkungen einschätzen können. Sie brauchen Mitarbeitende, die Neues ausprobieren, und solche, die Entwicklungen in einen grösseren Zusammenhang stellen können. Gerade deshalb führt die Gegenüberstellung von Future Skills und Erfahrung in die falsche Richtung. Die Aufgabe besteht darin, beides miteinander zu verbinden.


Eine Frage der Organisationsentwicklung


Aus Sicht der Organisations- und Unternehmensentwicklung stellt sich deshalb eine praktische Frage: Wie kann Erfahrungswissen erhalten werden, während gleichzeitig neue Kompetenzen aufgebaut werden?


Die Antwort liegt nicht in einer Altersgruppe. Sie liegt in der Zusammenarbeit zwischen den Generationen. Dort entsteht die Verbindung zwischen neuen Perspektiven und gelebter Erfahrung. Dort kann Wissen weitergegeben werden, bevor es verloren geht. Und dort zeigt sich, wie lernfähig eine Organisation tatsächlich ist.


Die Arbeitswelt von morgen wird technologischer sein als heute. Sie wird aber auch älter sein. Wer diese Realität ausblendet, riskiert einen Verlust, der sich später kaum ersetzen lässt.


Für einen weiterführenden Austausch und konkrete Angebote stehe ich gerne zur Verfügung.


 
 
 

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